Müller'sch Wehr

„WENN DEIN KIND DICH EINMAL FRAGT…“

„Müller'sch Wehr“, wie diese „wasserbauliche Anlage“ seit Generationen genannt wird, ist wahrhaftig eines von den „Highlights“ unserer Gemeinde. Kaum jemand der hier verweilt, kann sich dem Eindruck entziehen, dass es ein sehr idyllischer und romantischer, ja, einzigartiger Ort ist…

Dass das Wehr schon lange hier her gehört, belegen Dokumente des fürstliche Archives in Braunfels: Es gehört zu der spätestens im 17. Jahrhundet gegründeten „Obersten Mühle“ in Holzhausen. In seiner jetzigen Form ist es vom Müller Jost Zissler 1905 errichtet worden. Zu diesem Wehr gehört auch noch ein kleiner Mühlteich, etwa 80 m weiter oberhalb. Darin wurde eine Wasserreserve vorgehalten für den Fall, dass das Wasser des Ulmbachs mal knapp wurde. Von diesem Becken ist leider nur noch die Eindeichung zu erkennen. Es findet sich dort aber auch ein Stein mit Initialen und der Jahreszahl 1833. Die Initialen weisen auf die Familie Dorlas hin, in deren Besitz die Mühle und die dazugehörigen „wasserbaulichen Anlagen“ damals waren.

Von der Oberkante des Wehres wurde Wasser durch einen Mühlgraben abgezweigt, mit dem das Mühlrad der in Sichtweite gelegenen Mühle angetrieben wurde. Dort wurde noch bis 1957 das Mehl gemahlen, aus dem dann unser „täglich Brot“ gebacken wurde. Viele ältere Holzhäuser erinnern sich noch gut an „Müllersch Karl“, (Karl Zissler), der zuletzt das Mehl gemahlen und in Säcke gefüllt hat, und bei dem, wenn die Bauern das Mehl abholten, auch mal die Kinder auf der großen Waage gewogen wurden, wenn das Geschäftliche erledigt war. Jedes Mal eine spannende Angelegenheit!...  – Also, wenn Ihr Kind Sie einmal fragt: „Woher kommt eigentlich unser Brot auf dem Tisch?“ kommen Sie hier her und erklären ihm, wie alles seinen Anfang genommen hat… -  Insofern stellen Mühle, Mühlteich, Mühlgraben und Wehr ein zusammenhängendes kulturhistorisches  Ensemble dar, welches würdig wäre entsprechend unter Schutz gestellt zu werden!

„Müller'sch Wehr“ gehört nicht nur zu den sozialgeschichtlichen und damit gemeindebildenden Bauwerken  des Dorfes Holzhausen, es ist darüber hinaus identitätsstiftend für viele Generationen von Holzhäusern und Holzhäuserinnen: In „Müllers'ch Wehr“ wurde das Schwimmen erlernt! Insofern ist es allemal auch ein Kulturdenkmal, auch wenn es kein Dom oder eine Burg ist: Hier haben Eltern mit ihren Kindern die heißen Sommertag verbracht, – hier haben Kinder das Wasser lieben gelernt, – hier haben Kinder den Zug der jungen Fische vom unteren Teil des Wehres nach oben beobachtet, – hier rasten und entspannen bis heute ruhesuchende Wanderer und Spaziergänger und genießen den romantischen Ort und das Rauschen und Glitzern des sprudelnden Wassers. Und selbst im Winter, wenn Eiszapfen das Wehr verzaubern, ist es ein Ort, der etwas Magisches an sich hat…

In den letzten Jahren gab es Bestrebungen der Behörden,  im Rahmen der „Renaturierung der Gewässer“ (gemäß EU Wasserrichtlinie) dieses Wehr zu entfernen und durch ein „Raugerinne“ zu ersetzen, um die Durchgängigkeit des Gewässers für Fische zu gewährleisten. Das hat bei den Bürgern und Bürgerinnen von Holzhausen starken Widerstand erregt! Ihre Argumentation:  Zum Einen stellt das „Müller'sch Wehr“ durch seine flache Bauweise absolut kein Wanderhindernis für Fische dar (siehe oben)! Außerdem endet ohnehin jegliche Durchgängigkeit des Ulmbaches 300 m weiter oberhalb an der Staumauer der Talsperre! Zum Anderen ist „Müller'sch Wehr“ als ein kulturhistorisches und sozialgeschichtliches Bauwerk einzuordnen, dessen Verlust einen erheblichen Schaden für die Ortsgeschichte und das gemeinsame Bewusstsein bedeuten würde!

von Volker Germann