774 – Holzhausen wird verschenkt

2024 ist für die drei Ulmtalgemeinden Holzhausen, Ulm und Allendorf ein Jubiläumsjahr, können sie doch auf 1250 Jahre seit ihrer Ersterwähnung zurückblicken.

Im Lorscher Codex – der im Kloster Lorsch verwahrt ist – wurde im Jahre 774 die Besiedlung des Ulmtales erstmals erwähnt. Dies ist die älteste erhaltene urkundliche Nennung. Diese geht auf eine Schenkung an das spätere Reichs-Kloster Lorsch vom 28. Mai 774 zurück. In dieser Urkunde im Lorscher Codex wird eine Schenkung von 50 Morgen (jurales) Ackerland in Wallendorf (Walestroph, Walehestorpher marca) und Holzhausen (Holzhusen) bestätigt (jedoch ohne nähere Aufteilung der Orte) nebst einer Wiese für drei Fuhren oder Fuder Heu, sowie vier mancipia (Hörige oder Knechte). Hieraus ergibt sich eindeutig der räumliche Zusammenhang der gesamten Schenkung. In der Notiz wird die Lage der Wiese näher bezeichnet. Ebenso gehörten vier Hörige oder Knechte mit dem ganzen erkauften Gut in Alderdorph (=Allendorf) dazu. Alle drei genannten Orte aber liegen mit ihren Bereichen unmittelbar aneinander grenzend am Ulmbach, denn Allendorf grenzt nordwärts an Ulm und Ulm an Holzhausen. Holzhausen wiederum an Wallendorf, wodurch der lagemäßige Zusammenhang der Schenkung bestätigt ist, obwohl die Geschichtsforscher sich nicht einig waren, welches Holzhausen gemeint war.

Die Schenkungsurkunde lautet in der Originalübersetzung: „Schenkung des Gerbold in Walestroph im Namen Christi. Am 28. Mai 774 im 6. Regierungsjahr König Karls, schenke ich Gerbold dem hlg. Märtyrer Nazarius, dessen Leib im Lorscher Kloster ruht, wo der ehrwürdige Abt Gundeland Vorsteher ist, und wünsche, dass die Schenkung für immer gelten soll. Bestätige sie auch mit aller Bereitwilligkeit im Lahngau in der Mark von Walestroph in Holzhusen 50 Morgen, eine Wiese und 4 Hörige. Alle Formvorschriften wurden beachtet. Abgeschlossen im Lorscher Kloster, zu der Zeit, die oben angegeben“.

Bis zum 14. Jahrhundert finden wir keinerlei weitere Aufzeichnungen. Eine Urkunde aus dem Jahre 1325 besagt, dass Graf Marquard von Solms den vierten Teil seiner Gerchtsame in den Dörfern auf der Ulm: Holzhausen, Ulm, Allendorf, Daburg und Niederhausen an seinen Vater Hartod von Merenberg verpfänden konnte. Der Grund ist uns nicht überliefert. Als Leibeigene waren unsere Vorfahren damals vollkommen rechtlos. Sie hatten den Zehnten zu liefern und Frondienste zu leisten. Außerdem konnte sie der Landesherr verschenken, verpfänden und verkaufen. 1351 hatte Graf Johann von Solms Leute und Güter in Holzhausen und verkaufte dem Wappner Wittekind von Lichtenstein Güter, Leute und Zehnten in Holzhausen.

1397 wurde ein Johann von Holzhusen in einer Urkunde erwähnt, der, wenn auch keine Burg, so doch ein besonders festes Haus inmitten des Dorfes hatte. Unsere Vorfahren waren längst zum Christentum übergetreten. Viele Schenkungsurkunden an das Kloster Altenberg beweisen dies. Sie sagen uns aber auch, dass vor allem im Lahntal, aber auch bei uns, Weinbau betrieben wurde, denn unter den geschenkten Gütern befanden sich häufig Weinberge. Noch heute erinnern Flurnamen an die Zeiten des Weinbaues.

Um das Jahr 1556 trat Graf Philipp zu Solms-Braunfels zur lutherischen Kirche über und mit ihm alle Bewohner der Grafschaft nach dem Grundsatz, die Religion des Landesherren ist auch die Religion der Untertanen. So ist belegt, dass unsere Vorfahren einige Male ihren Glauben wechseln mussten. Als die Spanier im Dreißigjährigen Krieg die Grafschaft besetzten, wurden alle wieder katholisch. Als sie von Gustav Adolf geschlagen wurden, kam es wieder umgekehrt und man schloss sich der reformierten Konfession an.

Im Mittelalter hatte das Ulmtal sein eigenes Blutgericht am Steimel (Steinmal). Hier fanden sich die freien Bauern der Dörfer zusammen,  die über Leben, Freiheit und Tod der Bewohner des Ulmtals Recht zu sprechen hatten. Es ist nachgewiesen, dass 1325 die Siedlung Holzhausen zu diesem Gericht gehörte, dazu noch die heute nicht mehr existierenden Ortschaften Mitteldorf und Holzdorf (Hellsdorf). 1495 wurde unter anderen Schöffen auch ein Schultheiß Mertin aus Holzhausen benannt, der über das Schicksal der Angeklagten mitentschied. Die Verhandlungen und die Strafverfolgung waren öffentlich, an besonderen Malstätten (Linden, Freiplätzen). Es wurde angeprangert (Pranger, Schandpfahl). Als Gerichtstätte des „Olmentales“ ist das noch so genannte „Steinmal“ (heute Steimel) bekannt, ein Höhenzug an den Gemarkungsgrenzen Allendorf-Ulm-Holzhausen-Rodenroth gelegen. Als Vollzugsstelle wird der „Galgenberg“ genannt. Ob und wann jedoch eine Vollstreckung erfolgt ist, ist nicht bekannt. Das Blutgericht wurde 1791 aufgelöst.

Kriege, Seuchen und schwere Zeiten haben vor unserem schönen Dorf nicht halt gemacht. Jahrhundertelang hat immer wieder die Pest – der schwarze Tod – viele Menschenleben gekostet. Manche Orte – wie Hellsdorf und Mitteldorf – sind wahrscheinlich ausgestorben. Im Dreißigjährigen Krieg mussten unsere Vorfahren abwechselnd unter den Raubzügen der Spanier, Österreicher und Schweden leiden. In dieser Zeit war die Burg Greifenstein, die von vielen Generationen Leibeigener in harter Fronarbeit zu einer mächtigen Burg ausgebaut worden war, die einzig sichere Zufluchtsstätte. 1648 nach dem Ende des Krieges begann der Wiederaufbau. Auch die Kirchen wurden instandgesetzt und neue Kirchenbücher angelegt. Sie berichten uns, dass schon 1673 die Franzosen auf fürchterliche Weise im Ulmtal hausten und viele der neuerbauten Häuser in Brand gesteckt wurden. 1674 und 1675 hatten die Bewohner schwer unter den kurbrandenburgischen und sächsischen Soldaten zu leiden. 1795 waren es wiederum die Franzosen und 1813 sogar die Russen, die zwar als Verbündete kamen,  aber schlimmer hausten, als die vorher durchgezogenen Franzosen.

Aus Not und Elend erwuchs unser Dorf immer wieder zu neuer Blüte. 1834 hatte Holzhausen 68 Häuser und 436 Einwohner. Der Viehbestand belief sich auf vier Pferde, 39 Zugochsen, 38 Zugkühe, 50 Milchkühe, 20 Stück Jungvieh, 240 Schafe, 108 Schweine und 26 sonstige Zuchttiere. Trotzdem herrschte immer noch unglaubliche Armut.

In Anlehnung an einen Aufsatz von Heinrich Jung, überarbeitet von Joachim Kohl sowie weiterer diverser Aufzeichnungen, aufgeschrieben von Helma Schauß

Addendum: Der HuG ist stolz darauf, tatkräftig an den Jubiläumsfeierlichkeiten beteiligt gewesen zu sein. Wie und womit können Sie u. a. unter Aktuelles und auf mittelhessen.de nachlesen.